Grundlagen der Mensch-Tier-Beziehung

Biophilie

Die Biophilie-Hypothese stammt von dem Soziobiologen Edward O. Wilson. Er geht davon aus, dass zwischen Menschen und anderen Lebewesen bzw. lebensähnlichen Prozessen eine evolutionär bedingte Verbundenheit besteht (Wilson, 1984). Evolutionäre Prozesse nehmen nicht nur Einfluss auf morphologische und physiologische Eigenschaften von Lebewesen, sondern natürlich auch auf die Fähigkeit zu bestimmten sozialen und psychischen Prozessen. Vereinfacht ausgedrückt dürfte sich der Wille zum Leben und die Fähigkeit, diesen auch in anderen Lebewesen zu sehen, zu respektieren und sich daran zu erfreuen, als Überlebens­vorteil erwiesen haben gegenüber nekrotischen, d.h. lebensfeindlichen Neigungen. Es ist also nicht nur davon auszugehen, dass der Mensch eine angeborene Affinität zu anderen Lebewesen hat, sondern die Auseinandersetzung mit ihnen auch für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung benötigt (Beetz, 2003).

An dieser Stelle möchte ich gern einige meiner Erfahrungen mit Senioren und ihrer Beziehung zu Tieren anbringen. Die meisten alten Menschen hatten in ihrer Kindheit Kontakt zu Tieren und haben auch heute noch ein Bedürfnis danach (siehe Biophilie). Ihr Verhältnis zu Tieren ist offenbar stark durch die von den Bezugspersonen vorgelebten Einstellungen geprägt. Viele von ihnen haben Werte verinnerlicht wie: „Tiere muss man gut behandeln“. Wie erfolgreich das zur damaligen Zeit vor allem in Punkto artgerechter Tierhaltung  umgesetzt wurde, ist eine andere Frage und in jeder Gesellschaft abhängig von Traditionen und der wirtschaft­lichen Situation der Bevölkerung. Das Halten und Töten von Nutztieren entsprang einer Notwendigkeit. Die Kinder lernten, dass man für Schlachttiere keine tieferen Gefühle entwickelt. Fast alle Senioren können von Verlusterfahrungen in Bezug auf ihre Tiere berichten. Zum Beispiel Frau H.: „Und dann gab es das von mir aufgepäppelte Kaninchen zum Mittag.“ Manch einer geht den Kontakt zu den Kaninchen deshalb zunächst nur recht flüchtig ein. Oft kommt die Frage nach dem möglichen Ende der Therapiekaninchen in der Pfanne. Zahllose Witzchen werden darüber gemacht. Und noch niemand hat sich darüber beschwert, dass sie eben zu klein, zu mager und daher nur zum kuscheln zu gebrauchen sind. Erst mit dieser Gewissheit ist man doch bereit eine emotionale Bindung zum Tier einzugehen.

Jene Senioren, die eher städtisch und teilweise ganz ohne eigene Tiere aufgewachsen sind, sind den Tieren oft trotzdem ausgesprochen zugewandt. Viele äußern sogar ihr Bedauern darüber, nie ein eigenes gehabt zu haben. Der Teil der Patienten, der direkt ablehnend gegenüber den Tieren reagiert, hat meist als Kind gar keine Tierkontakte gehabt oder schlechte Erfahrungen gesammelt (z.B. Hundeangst). Einige wenige Bewohner verhalten sich distanziert gegenüber den Kaninchen, mit der Begründung, früher schon genug davon gehabt zu haben und alles darüber zu wissen. Bei Ablehnung von Seiten des Patienten kann die tiergestützte Intervention ihre Wirkung nur bedingt entfalten. Es lohnt sich aber, zunächst trotzdem Gespräche über die Vergangenheit und auch über schlechte Erfahrungen zu führen.

 

Du-Evidenz

Der Mensch kann aus Körpersprache und Lautäußerungen seines tierischen Gegenübers dessen Befindlichkeiten und Gefühle ablesen und sich in es hinein fühlen. Du-Evidenz beschreibt die Tatsache, dass zwischen Menschen und Tieren eine Beziehung möglich ist (Breuer, 2008). Sie ähnelt der Beziehung zwischen Menschen und basiert auf der Annahme, dass auch ein Tier dem Menschen vom „Es“ zum „Du“ werden kann. Wir alle kennen Saint-Exuperys Geschichte vom kleinen Prinzen der den Fuchs zähmt und ihn damit für sich einzigartig macht. Dies fällt umso leichter je ähnlicher uns die Tiere sind. Demnach gehen wir besonders schnell Beziehungen zu höheren und sozial lebenden Tieren ein.

 

Kommunikation zwischen Mensch und Tier

Die menschliche Kommunikation wurde von Watzlawick, Beavin und Jackson unterteilt in verbal digitale Anteile und analoge Anteile. Bei der digitalen Kommunikation ist einem Wort willkürlich eine bestimmte Bedeutung  zugeordnet. Sie folgt den Regeln der Logik und dient dazu, Wissen über bestimmte Sachverhalte mitzuteilen. Analoge Kommunikation ist das was wir weithin als Körpersprache bezeichnen. Mimik, Gestik, Stimme und Berührungen dienen dazu, Gefühle bzw. eine Bezogenheit auszudrücken (Olbrich, 2003). Tiere nehmen hauptsächlich unsere analoge Kommunikation war und reagieren entsprechend auf sie. Das Miteinander findet demnach in erster Linie auf der Beziehungs­ebene statt. Die Fähigkeit zur digitalen Kommunikation geht bei Demenz im Verlauf der Erkrankung zunehmend verloren. Da die analoge Kommunikation auf tieferen Hirnschichten abgespeichert ist als die digitale, bleibt sie länger erhalten. Die Verständigung mit einem Tier fällt ihnen demnach leichter, als mit einem Mensch. Worte braucht man dazu nicht wirklich.